DDIV Die Stimme
15.09.2015 - News

Wohnungswirtschaftlicher Dialog in Gera

Politik, Wirtschaft und Wohnungswesen diskutieren "Zukunft Wohnen" in Mitteldeutschland

Rund 100 Teilnehmer kamen auf Initiative des Dachverbandes Deutscher Immobilienverwalter (DDIV), des Landesverbandes der Immobilienverwalter (VDIV Mitteldeutschland), des Verbandes Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (vtw.) und Volkmar Vogel (MdB), Baukoordinator in der Arbeitsgruppe Umwelt und Bau der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zum Wohnungswirtschaftlichen Dialog nach Gera. Neben Abgeordneten des Thüringer Landtages waren auch Vertreter der Thüringer Regierung zugegen. Im Mittelpunkt stand die Frage „Wie geht Zukunft Wohnen in Mitteldeutschland?“. Vor dem Hintergrund von Energiewende und demografischem Wandel, aber auch der aktuellen Flüchtlingswelle, erörterten die Teilnehmer, wie Wohnungswirtschaft und Politik gemeinsam auf veränderte Bedürfnisse reagieren können und welche Strategien langfristig ein bezahlbares, attraktives und energieeffizientes Wohnen sichern können.  

Constanze Victor, Verbandsdirektorin des vtw. betonte mehrfach, dass Wohnen für Vermieter und Mieter künftig bezahlbar bleiben muss. Sie kritisierte dabei, dass die aktuelle öffentliche Debatte rund um das Thema Wohnen fast ausschließlich von steigenden Mieten und der Forderung nach Mietpreisbegrenzungen bestimmt wird. In Thüringen jedoch liegen die Durchschnittsmieten am Rande des betriebswirtschaftlich Vertretbaren. Hinzu kommt ein steigender Wohnungs-Leerstand, bedingt durch die Alterung der Gesellschaft, eine weiter sinkende Geburtenrate und berufsbedingten Wegzug. Wie das statistische Bundesamt in der vergangenen Woche bekannt gab, wird bereits 2030 jeder Dritte Ostdeutsche über 64 Jahre alt sein. Im selben Maße wächst jedoch der Bedarf an altersgerechtem Wohnraum und Betreuungsangeboten.

Der steigende Flüchtlingszustrom nach Deutschland stellt die mitteldeutsche Wohnungswirtschaft vor weitere Herausforderungen. Denn auch in den neuen Bundesländern bedarf es langfristiger Konzepte für die Unterbringung von Flüchtlingen. Eine Reaktivierung leerstehender Wohnungen kann nur bedingt funktionieren, da sich neben den Fragen von Investitionen im Gebäude auch Haftungsfragen stellen. Diese treten dann auf, wenn baurechtliche Vorgaben nicht vollständig umgesetzt würden. Die Kosten der baulichen „Ertüchtigung“ stehen dann in keinem Verhältnis zur Nutzungsdauer. Weitere Hemmnisse sind bestehende Normen und Richtlinien beim Brandschutz oder der Energieeffizienz. Wohnungsunternehmen und Verwaltungen fordern daher Unterstützung von Bund und Ländern bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Zugleich warnen die Unternehmen davor, Flüchtlinge unbegrenzt auf leer stehende Wohnungen zu verteilen. Eine erfolgreiche Integration kann nur in bestehenden und harmonischen Hausgemeinschaften erfolgen. Gefordert werden mehrsprachige Handreichungen und Informationsmaterial für Flüchtlinge.

Energiewende zentrales Thema der Wohnungswirtschaft in Ostdeutschland

Eine weitere Herausforderung ist die Energiewende im Gebäudebereich: nachdem die meisten Wohnungen nach der Wende modernisiert wurden, steht nach Aussage der mitteldeutschen Unternehmen nun nahezu flächendeckend ein neuer Sanierungszyklus an. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Wohnraumnachfrage in Ballungsgebieten sowie verschärfter (bau)preislicher und (energie-)politischer Rahmenbedingungen, stellt sich allerdings die Frage: Wie viel Regulierung braucht der Markt? Volkmar Vogel, MdB, spricht sich dafür aus, bestehende Potentiale zu heben. Vor dem Hintergrund der Unterbringungserfordernis für Flüchtlinge machte Vogel noch einmal deutlich, dass Verschärfungen wie z.B. bei der EnEV nicht weiterhelfen: „Bevor wir über weitere Belastungen nachdenken, sollten wir prüfen, was wir mit bestehenden Mitteln und Verordnungen leisten und verbessern können. Ich denke, dass beispielsweise in Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) noch enorme Potentiale stecken, die es zu heben gilt.“ Zahlreiche Gremien auf Bundesebene, in denen Vertreter unterschiedlicher Interessengruppen eingebunden sind, arbeiten derzeit an praktikablen Lösungsansätzen. So erwartet er sich unter anderem vom Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen und der Baukostensenkungskommission praktikable Lösungsansätze.

Dass WEG einen wesentlichen Anteil am Wohnungsbestand in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben, stellte der Geschäftsführer des Dachverbandes Deutscher Immobilienverwalter Martin Kaßler heraus. Er warnte davor, dass die Energiewende im Gebäudebestand bundesweit scheitert, wenn bei der Verteilung von Förderprogrammen und Zuschüssen Wohnungseigentümer nicht stärker berücksichtigt werden. Noch immer liege die Sanierungsquote in WEG deutlich hinter denen privater Eigentümer und kommunaler Wohnungsunternehmen zurück. Kaßler plädierte zudem dafür, dass künftige Gesetzesvorhaben und Normen eine verpflichtende Folgenabschätzung für die Kosten des Wohnraumes beinhalten. Auch die Wiedereinführung einer eigenständigen Kompetenz des Bundes für die Vergabe von Wohnraumfördermitteln erscheint zielführend.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurden schließlich praktische Lösungsansätze diskutiert. Teilnehmer wie Referenten waren sich einig, den Flüchtlingszustrom als Chance zu sehen und dass Stadtentwicklung und Stadtumbau nochmal völlig neu gedacht werden. Dazu zählt aber auch eine langfristige Perspektive: Denn was passiert mit neuen und reaktivierten Wohnungen, wenn sich die Flüchtlingslage nach einigen Jahren wieder entspannt? Diese und weitere Fragen sollen auch in künftigen Treffen diskutiert werden.

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